Ein Praxistipp von Verbandslehrwart Werner Gessner

4 Schwerpunkte des modernen Spiels

Wie in fast jeder Sportart so hat sich in den letzten Jahren auch beim Bowlingsport einiges verändert:

Viskosität der Bahnenöle, vielfältige Auflagen von Ölmustern gehen einher mit immer weiter modifizierten Gewichtsblöcken, Schalenmixturen und Möglichkeiten der Oberflächenbehandlungen bzw. Veränderungen. Aus diesen Gründen ändert sich in gewisser Weise auch die Anforderung an Spieltechnik und Taktik.

 Es geht um folgende Schwerpunkte:

  • Pendel und Powerpoint
  • Ballabgabe und Loft-Roll
  • Balltempo  und Umdrehungen
  • Finger und Handgelenk - Fitness

Diese Schwerpunkte beschreiben wir im Einzelnen nach den allgemeinen Infos.

Ich möchte hier von vornherein klar machen, dass eine Leistungssteigerung zum nächsten Level ohne einen kompetenten Trainer meistens nur bedingt möglich ist.

Aber es gibt ja keine Trainer!

Ich bin der Meinung, dass es eine größere Anzahl an kompetenten Trainern in unseren Bundesländern gibt. Das Problem ist nur, dass die Vereine ihre ausgebildeten Trainer nicht ins rechte Licht setzen. Es wird in der Regel kaum darauf hingewiesen, dass der Klub oder Verein einen oder mehrere ausgebildete Trainer hat.

Eine Mannschaft oder einen Sportverein ohne offiziellen Trainer, das gibt es nur beim Bowling. Selbst die untersten Fußballklassen beschäftigen einen Trainer für kleines Geld in ihren Vereinen.

Wo liegt das Problem?

Liegt es an der Qualität der Ausbildung (teils veraltete Inhalte), oder am Informationsmangel in den Vereinen? Ich denke es liegt an beidem.

Natürlich sind viele Bowler*innen der Meinung, sehr vieles über ihre Sportart zu wissen, doch Theorie und Umsetzung in der Praxis sind zweierlei Dinge. Ein Training - noch dazu ohne fachliche Begleitung - führt in keiner Sportart zur wesentlichen  Verbesserung.

Es reicht nicht, eine gewisse Anzahl von Bällen für viel, medium oder weniger Öl in der Tasche zu haben. Die Bälle sind lediglich ein Sportgerät mit unterschiedlichem Aufbau. Auch sie muss man verstehen.

Bowling als "Sport" zu betreiben, erfordert den Aufbau von Grundlagen bis hin zum Wissen der Individuellen Möglichkeiten. Technik, Taktik, Materialkunde und mentales Spiel können nur über Trainingsetappen zum Erfolg führen.

Natürlich wollen viele das Bowlingspiel nur "Just for Fun" und nicht als Sport betreiben, doch dann bleibt man eben Hobbybowler und nicht Sportbowler. Viele Bowler streben eine höhere Leistung an, sehen aber meistens nicht ein, dass es nicht ausreicht nur etwas mehr zu spielen.

Zwischen höherer Leistung und tatsächlichem Leistungssport klafft noch eine große Lücke. Will man es bis zum Spitzensportler Bowling bringen, setzt es viel Einsatz und Planung mit Trainingsperioden voraus.

Falls Sie als Bowler*in besser werden möchten, sollte klar sein, dass Leistung auch ein kontinuierliches Training mit etwas Planung nach Schwerpunkten erfordert. Wichtig ist, dass man sich selbst um die Möglichkeit der Arbeit mit einem Trainer bemüht.

Es ist verständlich, dass ein interessierter, kompetenter und aktiv arbeitender Trainer, der erst mal viel Zeit und Geld in seine Ausbildung investierte, ein Training nicht ohne kleine Gegenleistung anbieten wird.

Jeder Sportler, der den Weg zur Erhöhung des bestehenden Leistungslevels gehen möchte, sollte sich die Frage stellen: Was bringt mich schneller vorwärts? Einige sinnvolle und regelmäßige Trainingsstunden oder einfach mehr Bowlingbälle?

Pendel und Powerpoint

Der Pendelweg vom Arm mit dem Ball sollte - wegen der Kontrolle - beim Ende des Backswings (Umkehrpunkt) - möglichst nicht über Kopfhöhe und in einer Ebene mit dem Kopf sein.

Zu hohes Backswing birgt für den "Nichtprofi" die Gefahr des Verlassens der effektiven Pendelebene. Der Handrücken sollte beim Umkehrpunkt (Einhandspieler) etwas nach innen und die Ballseite möglichst mehr weg vom Körper zeigen. Wir nennen dies Spannung schaffen und solange wie möglich halten.

Die Spielschulter darf nach hinten so weit geöffnet werden, dass der Ball nicht komplett hinter dem Oberkörper verschwindet. Wird die Hüfte während des Anlaufs etwas aus dem Pendelweg gebracht, (seitlicher Hüftknick) ist dies ein zusätzlicher Vorteil.

In dem YouTube-Video "10 Top Players in Slow Motion" erkennt man genau die Hüft- und Handstellungen der verschiedenen Darsteller sowie die vertikale Handgelenkstellung und Rotationsrichtung der Finger bei der Ballabgabe.

 

Man sollte diese Maßnahmen allerdings noch nicht mit dem Anfängertraining vergleichen, da achtet man beim Grundlagentraining erst mal auf eine waagerecht ausgerichtete rechte und linke Schulterstabilität um in Balance zu bleiben.

praxistipp2021 04 11 Bild1 klBilderfolge zu "Die großen Drei: Balance, Armschwung, Timing"
(Bei Klick auf das Bild wird eine größere Version angezeigt.)

 

 

 

 

 

Ballabgabe sowie Loft und Roll

Erst ab dem tiefsten Punkt des Downswings sollte der Ball mit "etwas Kraft" und kurz hinter der Foullinie nach vorne eingesetzt werden. Ein Drücken des Balls geht immer zuerst in den Boden und bedeutet für den "Nichtprofi" den Verlust von Balltempo. Dass auch Bowler mit kurzem Armhebel - zum Beispiel Zweihandspieler - viel Balltempo auf die Bahn bringen können, beweisen uns immer mehr dieser "Spezies". Auch sie spielen die Bälle "fast ohne Lift", dafür mit Armfolge und stabilem Fingerzug nach vorne - also "Loft" und wenig "Lift".

 


Die Wichtigkeit von "Loft und Roll" möchte ich wie folgt erklären:

Die herkömmliche Auffassung war: Bei trockenen Bahnen muss man den Ball weiter nach vorne in Richtung der Pfeile bringen (werfen) um z.B. die abgetrockneten Fronts und/oder abgespielte Trackzonen zu überwinden.

Das ist eigentlich kontraproduktiv, weil man dabei den Ball viel zu lange in der Hand hat, man minimiert somit das Balltempo und verhindert Umdrehungen, beides gehört zum heutigen "modernen Powerspiel". Oft wird im Moment der Ballabgabe der erforderliche Kniewinkel verlassen, weil man sonst den Ball vermeintlich nicht in die Länge bringt. Ausreichender Kniewinkel gepaart mit etwas mehr Sideroll und früher Ballauflage, bringt mehr Länge, egal ob man eine direkte oder tiefere Innenlinie wählt.

Flach spielen ist "Loft" und verlangt auch, eine verlängerte Unterarmfolge (Follow Through). Ein hochreißen des Unterarms (Lift) schafft vermeintlich mehr Anfangsumdrehung, verhindert aber Balltempo und Länge. Die betonte flache Unterarmfolge sollte die Form eines "Fischhakens" darstellen und - gerade wenns um Länge geht - in Schulterhöhe enden.

Im Grunde genommen geht es um das kürzere, manchmal auch etwas längere, aber weiche Auflegen des Balls. Kleinere Spieler wie Norm Duke haben es damit allerdings leichter als große Bowler wie Mika Koivuniemi, weil alles auch mit dem Kniewinkel zusammen hängt. Eine der wichtigsten Anforderungen für das moderne Spiel ist "Kraft für ein stabiles Handgelenk und kräftigen Fingerzug" zu trainieren.

Balltempo und Umdrehungen

Flach spielen und Loftabgabe ist das eine, passendes Balltempo und Umdrehungsrate das andere. Die Aufgabe ist, für tempodominante Bowler*innen die passende Umdrehungszahl zu finden. Umgekehrt ist für umdrehungsdominante Bowler das passende Balltempo wichtig. Sieht man sich Spitzenspieler an, so wird man feststellen, dass in der Regel die Einhandspieler weniger Balltempo und vor allem weniger Umdrehungen produzieren als Zweihandspieler.  Das ist nicht das Problem. Den passenden Ausgleich zu finden erfordert Videotraining, Tempomessung und Umdrehungszählen, da braucht es fachliche Hilfe.

Hier etwaige Daten für den fortgeschrittenen Bowler*in Balltempo vs. Umdrehungen

Balltempo in kmh                                   Umdrehungen in RPM

24 -    25,6                                            200 - 250

25,7-  27,2                                            250 - 300

27,3-  28,8                                            300 - 350

28,9-  30,4                                            350 - 400

ab 30,5                                                 400   plus

Finger- und Handgelenk Fitness

Zweihandspieler produzieren deshalb mehr Rotation, weil sie nur mit bzw.über die Finger spielen. Zweihandspieler müssen aus diesem Grund wesentlich mehr "Fingerzug - Kraft" haben als Einhandspieler - deshalb ist das Trainieren der Fingerkraft essentiell für das heutige Spiel. Die Unterschiede von Spitzenspielern kann man auf YouTube ansehen. Gute Einhandspieler haben ca. 28-29 Kmh bei ca. 350 RPM, Zweihandspieler kommen auf ein Balltempo von ca.30,5-31.5 kmh bei ca. 450 RPM und mehr.

Entsteht ab Break zuviel "Flip", entschärfen Sie dies mit mehr Vorwärtsroll.

Für erforderliches Fingerzug - und Handgelenkstraining schauen Sie sich auf YouTube das Video: "2 Exercices to Improve your Game" an und trainieren Sie diese wichtigen Aktionen für eine moderne Ballabgabe.

 


Was ist nun unsere Aufgabe?

Wenn Sie bis hierher gelesen haben, wird immer deutlicher, dass es ohne - zumindest zeitweise - Trainerbegleitung, schwer zu schaffen ist. Da nützen keine neuen Bälle, da hilft nur der Verstand und Wille.

Bei meinen Spieler- und Trainerausbildungen verbringe ich viel Zeit mit Versuchen im Zusammenhang von Energietransfer und kinetischer Energie (Bewegungsdynamik). Interessant ist dabei das Zusammenspiel von Rotationsenergie (Umdrehungsdynamik) und Axis Rotationsenergie (Bewegungsrichtung und Spin).

Ein Sprichwort sagt: Einmal gesehen, ist besser als tausendmal gehört.

Deshalb empfehle ich Ihnen als erstes das YouTube Video: WBT Championship 2019

Liz Johnson und Danielle McEwan spielen eine moderne, flache und weiche Auflage des Balls. Liz Johnson wegen Knieproblemen etwas weniger. McEwan legt den Ball zudem noch etwas kürzer nach der Foullinie auf.

 


Als zweites Beispiel eine Herrenpaarung aus: 2020 PBA Championship Stepladder

Chris Via (Zweihandspieler) gegen Francois Lavoie (Einhandspieler).

Beide legen ihre Bälle weich und verhältnismäßig kurz auf. Hier zeigt sich allerdings der Unterschied sehr deutlich. Der Zweihandspieler hat mehr Balltempo, was zu seinen Umdrehungen passt. Der Einhandspieler muss zu seinen weniger Umdrehungen das Balltempo etwas reduzieren.

 


Was können wir tun?

Zuerst mal abwarten bis die Bowlingcenter wieder öffnen. Überarbeiten Sie Ihr Grundlagenspiel. Lernen Sie Balltempo und Umdrehungen besser zu vereinen (Messungen). Befassen Sie sich mit den veränderten Abgabetechniken. Ziehen Sie - zumindest teilweise - einen Trainer hinzu.

Ich hoffe, Sie treffen die für Sie richtige Entscheidung!

Dieser Artikel ist gesponsert von bowlingpage.de

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